
Der Sitzenbleiber ging nach Boston
Walter Christl hinkt. In Österreich war er ein Behinderter. Die Liebe verschlug ihn nach Boston. Dort ist es egal, ob ein Elektriker hinkt. Es zählt nur seine Leistung.
FREAK-RADIO · VON UND FÜR MENSCHEN
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Walter Christl hinkt. In Österreich war er ein Behinderter. Die Liebe verschlug ihn nach Boston. Dort ist es egal, ob ein Elektriker hinkt. Es zählt nur seine Leistung.

Um Menschen mit Behinderung in den Medien lebensnah darstellen zu können, ist es wichtig, dass in den Redaktionen Menschen mit und ohne Behinderung gleichgestellt zusammenarbeiten.

Menschen mit Behinderung in der Opferrolle? Menschen mit Behinderung als Mitleiderregende, passive Geschöpfe, denen man helfen möchte? Oder Menschen mit Behinderung als Helden gefeiert, weil sie aus Sicht der Nicht Betroffenen jeden Tag aufs Neue „Unglaubliches“ vollbringen? Welches Bild kennen Sie aus den Medien?

Die Überwindung der eigenen Barriere im Kopf. Das Erkennen, dass die Menschen einen wertschätzen – egal, ob man jetzt gut oder weniger gut sieht. Man ist ein Arschloch oder man ist keines, aber das hat nichts damit zu tun, ob man eine Behinderung hat oder nicht.

Karrieren von Menschen mit Behinderung scheitern oftmals am barrierefreien Zugang zu Bildung und Arbeit. Doch es gibt durchaus Menschen mit Behinderung, die Karriere machen. Der seit seiner Kindheit stark sehbehinderte Julian M.Hadschieff war zunächst Spitzensportler. Gemeinsam mit Geschäftspartnern baute er die HUMANOMED Gruppe auf.

Egal ob in London, Hamburg oder Wien - viele träumen den Traum von der Selbstständigkeit. Manche schaffen es. So hat Rollstuhlnutzerin Christiane Link in London ihre eigene deutschsprachige Zeitung gegründet. Manfred Kapfenberger ist selbst schwerhörig und hat in Wien deshalb eine Firma aufgebaut, die sich auf Hilfsmittel für hörbehinderte Menschen spezialisiert hat. Seine Produkte, wie leuchtende Glocken und Vibrationswecker vertreibt er mittlerweile in ganz Europa. Doch was waren die Beweggründe für die Selbstständigkeit? Dies und mehr erfahren Sie in der halbstündigen Freak-Radio Reportage.

Christiane Link, Journalistin: Wenn irgendwas schief läuft in meinem Unternehmen, ist immer völlig klar, wer das war: Ich! Da gibt es jetzt keinen Chef mehr, dem ich sagen kann: Warum hat denn der, die oder die Entscheidung getroffen? Oder: Warum ist das so und so gelaufen? … - die Strukturen sind falsch und was weiß ich… Das zieht alles nicht mehr, sondern es ist immer klar: Es gibt nur einen Schuldigen, ich selbst! Aber damit kann ich eigentlich relativ gut leben.

Von der Zeitungsherausgeberin im Rollstuhl, über den sehbehinderten Manager bis hin zur gehörlosen Studienberaterin. Sie alle zeigen, dass Menschen mit Behinderung Karriere machen können. Über ihre Erfahrungen berichten sie im Rahmen der Impulstagung.
Oliver Koenig, Institut für Bildungswissenschaft Uni Wien: Schönen Mittag! Vor der Mittagspause möchte ich mit Ihnen nun einen Sprung von Lichtgestalten innerhalb der Arbeitswelt von Menschen mit Behinderung zu einer etwas theoretischeren Zusammenschau zum Thema Barrieren machen, wie sie vor allem von Menschen mit intellektueller Behinderung im Arbeitsleben erlebt werden. Zum Einstieg in meinen Vortrag habe ich mir ein Thema ausgesucht, das, so glaube ich, ganz allgemein auch behinderungsgruppenübergreifend, momentan wie zukünftig ein ganz zentraler Motor sein kann. Ein äußerst zentraler Motor, um die Zielperspektiven von Teilhabe und Inklusion für Menschen mit Behinderung an und in der Gesellschaft sowie an und im Arbeitsleben auch zu verwirklichen. Die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung wurde im Jahr 2006 von der UNO verabschiedet und im September 2008 von der österreichischen Bundesregierung einschließlich des fakultativen Zusatzprotokolls einstimmig ratifiziert. Letzteres regelt insbesondere Formen der Überwachung und Einhaltung der in der UN-Konvention dargelegten Rechte und wurde in Österreich durch die Einrichtung eines weisungsungebundenen Monitoringausschusses entsprochen. Wohlgemerkt ging dieser parlamentarischen Anerkennung der UN-Konvention die leider nicht mehr öffentlich zugängliche Annahme voraus, dass die in der UN-Konvention deklarierten Rechte in Österreich bereits durchgängig umgesetzt seien.. Insofern gab es geringen Widerstand - anfangs.
Wolfgang Orehounig: Sehr geehrte Damen und Herren, danke, dass wir eingeladen worden sind und so die Möglichkeit haben, heute hier sprechen zu können. Ich darf mich zunächst kurz vorstellen. Mein Name ist Wolfgang Orehounig, ich bin seit mehreren Jahren in der Selbstvertretungsbewegung in Wien aktiv. Zudem bin ich Experte für inklusive Forschung an der Universität Wien. Ich referiere heute mit Tobias Buchner, er ist Leiter der Lebenshilfe-Akademie und arbeitet auch an der Universität Wien. Unser heutiger Vortrag gliedert sich in fünf Teile:

Julian Hadschieff, Manager: Ein herzliches »Grüß Gott« hier im 19. Stock des Tech Gates. Ich freue mich, Ihnen etwas über meinen Zugang zu einem Leben mit einer Behinderung mitgeben zu können. Ich möchte damit beginnen, wie es mir in meiner Jugend so ergangen ist. Ich bin in Tirol aufgewachsen, in Innsbruck. Meine Erkrankung, eine juvenile Maculadegeneration, begann im Alter von etwa sieben, acht Jahren und führte dann relativ schnell zu einer Verschlechterung des Sehvermögens. In der zweiten Klasse Volksschule wurde evident, dass ich sehr schlecht sehe. Ich war damals schon recht groß und bin in der letzten Reihe gesessen. Irgendwann habe ich einmal geschwätzt. Bei der Anfrage, was denn auf der Tafel so vor sich geht, konnte ich das nicht entziffern und wurde damals schwer getadelt. Bald wurde jedoch offensichtlich, dass ich nicht weil ich schwätze, nicht weiß, was draußen los ist, sondern weil ich es nicht sehe. Ich wechselte in die erste Reihe. Die Augenärzte auf der Universitätsklinik in Innsbruck wussten damals nicht genau, wie man mit dieser Erkrankung umgeht. Auch bei meiner Behandlung in St. Gallen hat sich herausgestellt, dass eigentlich keine Heilung - bis jetzt zumindest einmal - möglich ist. Ich habe das als Kind nicht wahnsinnig tragisch genommen, ich habe einfach zunehmend schlechter gesehen. Bis zwölf konnte ich noch lesen, ab dann nur mehr mittels Kugellupe, und musste Silbe für Silbe entziffern. Ich war anfangs kein schlechter Schüler – ich habe auch die erste Klasse Gymnasium noch mit Vorzug gemeistert. Dann wurde die Sehbehinderung zunehmend schlechter und von der fünften auf die sechste Klasse Gymnasium wechselte ich die Schule. Ich besuchte anstatt des akademischen ein musisch-pädagogisches Oberstufenrealgymnasium und zwar deswegen, weil es mir nicht möglich war, Latein zu bewältigen. Der damalige Lehrer vertrat die Einstellung: Wer im akademischen Gymnasium vom Blatt weg nicht übersetzen kann, der hat im Gymnasium nichts verloren. Ich denke, allein dieser Ausspruch, dieser Zugang dieses Lehrers zeigt, wie viel sich in den letzten vierzig Jahren für behinderte Menschen oder auch für uns behinderte Menschen geändert hat.

Im Jänner 2008 habe ich begonnen, das Projekt »Best Practice International« zu leiten. Der Grundgedanke zu dieser Veranstaltung stammt von meinem Vorgänger Gerhard Wagner. Seine Vision war eine Impulstagung, auf der wir einander begegnen können. Ziel ist der Austausch zwischen wissenschaftlichen Inhalten und praktischen Beispielen.
Fritz Hausjell, Kommunikationswissenschaftler: Ich wünsche einen schönen Nachmittag allerseits! Ich schicke eine Entschuldigung voraus. Ich werde Sie nicht mit einer PowerPoint Präsentation unterhalten. Auch die Thematik ist nicht sehr unterhaltsam.

Es gibt ganz wesentliche Punkte, die man sich ansehen sollte, um mehr als berufliche Rehabilitation von behinderten Menschen zu erreichen, um Chancengleichheit am Arbeitsmarkt, aber auch einfach am Leben zu ermöglichen. Das ist nämlich mehr als die »berufliche Rehabilitation«. Der erste Punkt ist der Paradigmenwechsel. Ein Begriff, der viel zitiert und viel bemüht wird. Doch was heißt das wirklich, diese Änderung des Blickwinkels auf Behinderung? Es ist ganz wichtig, dass wir - behinderte Frauen und Männer - diese Änderung des Blickwinkels auch wirklich im Kopf und in unsere Herzen hinein manifestieren, wir müssen dies verlangen. Nämlich, dass Behinderung nicht von Diagnosen aus und nicht in diesem medizinischen Modell wie bisher betrachtet werden kann. Dieser Blickwinkel bringt uns überhaupt nicht weiter. Dieser geht von Diagnosen aus - und wir alle wissen, wenn wir von Diagnosen aus beginnen, uns Lösungen zu überlegen, dann sind wir schon in der Sackgasse. Weil wir hier von Defiziten ausgehen, nämlich der Frage: Was geht alles nicht?
Barbara Hager, Studentin: Ich möchte mich zunächst herzlich für die Einladung von Freak-Radio bedanken.Mein Name ist Barbara Hager, ich studiere selbst Psychologie an der Uni Wien. Ich war in einer hörenden, einer oralen Schule ohne Gebärdensprache – nur mit deutscher Lautsprache und bin erst spät, erst mit zwanzig Jahren, in die »Gehörlose Welt« gekommen. Ich habe Gebärdensprache gelernt. Das ist ein bisschen von meiner Lebensgeschichte. Aber zu dieser Situation möchte ich später noch genauer kommen. Das Wichtigste, was ich Ihnen sagen möchte, ist: Ich studiere Psychologie und bin andererseits in der Bildungsberatung tätig. Gehörlose Personen, die ihre Matura nachholen wollen oder Informationen zu Studienrichtungen benötigen, haben beim Polycollege im fünften Bezirk, in der Volkshochschule Stöbergasse, die Möglichkeit dazu. Ich habe an der Uni Wien über neun Monate bei dem Projekt »Diversity Management« mitgearbeitet. Des Weiteren bin ich Vorsitzende im Verein VÖGS. Das ist die StudentInnenvertretung der österreichischen Gehörlosen. Nebenbei arbeite ich auch noch beim Verein VITA, der sich für die Situation gehörloser Frauen einsetzt. Außerdem bin ich noch in einem Netzwerk tätig, in dem Personen, die im psychosozialen Bereich arbeiten, auch dem Gehörlosenbereich, sich regelmäßig treffen und austauschen. Zwei Mal pro Jahr gibt es große Treffen, bei denen ich auch selbst dabei bin. Auch PsychologInnen, die mit Gehörlosen arbeiten, kommen dort regelmäßig zusammen. Ein Bereich, den ich jetzt noch mitunterstütze, ist wie erwähnt ein Projekt, das wir gerade aufbauen. Wir arbeiten hier mit dem Ministerium, vor allem dem Wissenschaftsministerium, zusammen: »gehörlos erfolgreich studieren«.

Mein Name ist Christiane Link. Ich lebe seit 2006 in London und komme ursprünglich aus Deutschland. Ich habe die letzten zehn Jahre, bevor ich nach London gegangen bin, in Hamburg gelebt. Ich bin Journalistin und wollte in meinem Leben noch nie etwas anderes werden! Seit ich die Mainzelmännchen im Fernsehen gesehen habe, stand für mich fest: Ich möchte Journalistin werden. Heute bin ich Herausgeberin und Gründerin einer deutschsprachigen Zeitung in Großbritannien, die »The German Link« heißt. Diese gibt es seit März 2008. Davor war ich Journalistin bei BBC und sieben Jahre bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Hamburg. Ich habe dort als studentische Hilfskraft begonnen, wurde dann Volontärin und später Redakteurin.

Viele StudentInnen ergänzen ihr Universitätsstudium durch einen Auslandsaufenthalt in Europa oder in den USA. Die dort erworbenen Sprachkenntnisse und Kompetenzen sind am Arbeitsmarkt sehr geschätzt. Doch welche Möglichkeiten haben Studierende mit Behinderung, die heimischen Gefilde zu verlassen und ins Ausland aufzubrechen? Inwiefern verbessert ein Auslandsaufenthalt tatsächlich die Berufschancen? Darüber diskutiert Christoph Dirnbacher mit selbst Betroffenen.

Wenn es um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrer Beeinträchtigung geht, wollen Menschen mit Behinderung nicht als bloße Forschungsobjekte gesehen werden. Jene, die Aufgrund ihrer Abnormität im Mittelpunkt meist medizinischer Forschung standen, drehen den Spieß jetzt um. 'Disability Studies' nennt sich die - hierzulande recht junge - Disziplin, die sich mit den verschiedenen Aspekten von Behinderung befasst.